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Denkanstöße
Mach es zu deinem Projekt!
In Bankenkreisen erzählt man die Geschichte eines Investment-Bankers, der maßgeblich an der Ruinierung Islands beteiligt war. Darauf angesprochen, meinte dieser: „Schlimm – aber ich wohn ja nicht da!“ Das heißt: Nicht mein Problem! Die Welt geht unter? Nicht mein Problem. Klimawandel? Warum sollte ich weniger Fleisch essen, solange die Chinesen so viel Kohlestaub in die Luft pusten! Marodes Gesundheitswesen? Aber ich geh weiter munter 18 Mal im Jahr zum Arzt. Wie klingt das?
Absolut vernünftig. So vernünftig, dass jeder sich an den Kopf greift, wenn er es anders erlebt. Zum Beispiel mein Praktikant. Dieser riss jüngst die Augen weit auf als wir uns zufällig begegneten: „Sie fahren Bus, Frau Topf?“ Warum das denn? Das ist doch total unvernünftig, solange die Chinesen noch Kohlekraftwerke betreiben. Das bringt doch nichts! Prinzipiell nicht.
Apropos prinzipiell. Der Chefvolkswirt einer großen deutschen Bank erregte jüngst Aufsehen, weil er meinte: „Die Weltwirtschaftskrise wäre mit den Prinzipien des ehrbaren Kaufmanns niemals passiert.“ Ein ehrbare Kaufmann hätte niemals gesagt: „Island? Geht mich nichts an!“ Weil ein ehrbarer Kaufmann nach Prinzipien handelt. Wie jüngst ein Malermeister drei Dörfer weiter.
Sein Malertrupp hatte bei einer Kundin eine Vase vom Fensterbrett gestoßen. „Die Kundin ist selber schuld“, sagte der Truppführer. „Wir haben ihr gesagt, dass alles weg muss von den Fenstern.“ Das ist das Island-Prinzip: „Geht mich nichts an. Ist nicht meins.“ Der Malermeister machte es zu seinem. Er ging anderntags zu der Kundin und brachte ihr eine schöne Kristallvase mit. Das hätte er nicht tun müssen. Das war nicht sein Problem. Er machte es zu seinem. Alle im Dorf reden vom ihm.
Nicht nur wegen der Vase. Sondern weil die Vase nur ein kleines Indiz für sein gelebtes Prinzip ist: „Das ist nicht mein Problem? Dann mache ich es zu meinem!“ Im Dorf wird er als ehrlicher, aufrechter Kerl geschätzt. Seine Kunden vertrauen ihm. In 90 Jahren hat der Familienbetrieb nicht einen einzigen Mitarbeiter entlassen müssen, die Auftragslage ist immer gut. Alle respektieren ihn. Wie fühlt er sich wohl nach Feierabend?
Sicher besser als der Island-Bankrotteur. Er fühlt sich respektiert, anerkannt und geachtet – und das Problem mit der Vase ist gelöst. Wäre es nicht toll, wenn wir dasselbe mit dem Weltklima, unserem Bildungssystem und der maroden Renten- und Krankenversicherung schaffen könnten? Wenn wir unsere Geiz-ist-geil-Mentalität für ehrliche, ehrbare und rechtschaffene Prinzipien eintauschen könnten?
Wenn wir aufhören würden, uns zu ent-antworten, die Schuld auf andere zu schieben, die Probleme von uns weg zu schieben und etwas Ungeheuerliches täten: uns die Probleme zu eigen machen. Glück, Gesundheit, Klima, eine gerechtere Gesellschaft: Mach es zu deinem Projekt! Gute Beziehungen, gutes Arbeitsklima, zufriedene Kunden: Mach es zu deinem Projekt!
Damit würden wir uns alle besser fühlen. Und die Probleme wären bald auch gelöst.
Ihre
Cornelia Topf
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